(Abstract:K. Rippe) Eigentlich nur durch Zufall habe ich den folgenden Artikel von Robert Gräser aus dem Jahre 1943 gefunden. Dank der bewährten Hilfe von Eckhard Meier konnte ich letztendlich den Artikel scannen und hier veröffentlichen. Es ist kaum nachzuvollziehen dass Robert Gräser diesen Artikel im Jahre 1943 in der Kakteenkunde veröffentlicht hat. In dem Artikel werden fundamentale Vermehrungspraktiken dargestellt, wie besonders seltene und gefährdete Kakteen durch Areolenpfropfung in ihrem Bestand gesichert und vermehrt werden können. Ich empfehle daher diesen Artikel jeden interessierten Kakteenliebhaber zur Lektüre.
Allgemeine Anleitungen, wie Kakteen vermehrt, herangezogen und gepfropft werden, sind für den, der danach sucht, in früheren Aufsätzen und in Kakteenbüchern genügend vorhanden. Die folgenden Zeilen wollen nicht derartige Anleitungen wiederholen, ergänzen oder verbessern; ihre Absicht ist eine andere: Jeder Kakteenliebhaber hat seine besonderen Kakteensorgen, Wünsche und Ziele und sucht Mittel und Wege, seine Ziele zu verwirklichen. An drei Beispielen soll gezeigt werden, wie ein Liebhaber durch entsprechende Überlegungen die für seine Ziele geeigneten Wege der Kakteenvermehrung und -pfropfung sucht und findet.
Von Echinocactus grusonii gibt es eine weißbestachelte Abart; ich habe davon eine fehlerfreie, gut bestachelte Pflanze von 7 crn Durchmesser. Von einer begehrenswerten Art nur eine Pflanze zu besitzen, ohne Aussicht, daß die Pflanze bald Samen oder Sprosse liefert, bereitet Sorge, und der Liebhaber überlegt, wie er sich Vermehrung verschaffen und dadurch den Besitz, der Art sichern kann. Die üblichen Rezepte, Köpfen oder Scheitelausbohren, wollte ich aus begreiflichen Gründen bei der schönen Pflanze nicht anwenden. Hätte ich die Pflanze etwa in der Mitte waagerecht durchschnitten und das Scheitelstück gepfropft oder wieder bewurzelt, so hätten günstigenfalls aus Areolen der verbleibenden Mutterpflanze Sprosse hervorkommen können. Die in der scheitellosen Mutterpflanze sich ansammelnden unverwerteten Baustoffe drängen die Pflanze, in einer der Areolen eine neue Baustelle zu schaffen. Von den Gefäßbündeln der Achse laufen Leitungsbahnen zu den Areolen; sobald die Sproßbildung in irgend einer Areole begonnen hat, werden die Leitungsbahnen dahin verstärkt. Die gleichen Verhältnisse für die Areole, so überlegte ich, schaffe ich, wenn ich aus der unteren Körperhälfte der Pflanze ein Stück einer Rippe mit einer oder zwei Areolen herausschneide, so pfropfe, daß möglichst die Leitungsbahnen aufeinanderstoßen und an der Unterlage die Entwicklung von Sprossen unterdrücke. Ich wählte also an der Pflanze weit unten, so daß später dies überhaupt nicht bemerkbar sein würde, zwei geeignet scheinende Areolen aus, zwickte mit der Schere zunächst die stärkeren Stacheln auf 2 bis 3 mm Länge
ab - sie waren spröde und flogen in weitem Bogen weg - und schnitt dann mit spitzem Messer ein Stückchen der Rippe heraus. Die Rippen sind unten härter, weniger saftreich als in Scheitelnähe, das Stück mußte also vorsorglich auf eine weichfleischige, saftreiche, in vollem Trieb befindliche Art gepfropft werden, etwa auf Trichocereus schickendantzii. Nun sproßt diese Art aber so leicht, daß sie wohl versucht hätte, alle eigenen Areolen zum Sprossen zu veranlassen, statt Baustoffe anzuhäufen und damit einen Druck auf die aufgepfropften E. grusonii - Areolen auszuüben. Deshalb wurde Trichocereus spachianus als eigentliche Unterlage genommen, darauf T. schickendanzi gepfropft und, nachdem dieser Pfröpfling in vollem Trieb war, das E. grusonii Rippenstück mit den zwei Areoien aufgesetzt. Nach der erfolgten guten Verwachsung wurden von der T. schickendantzii - Zwischenveredlung sämtliche Areolen entfernt. Nach 2 Monaten erschien der erste Sproß -, das Ziel, ohne sonderliche Gefährdung oder gar Verunstaltung der schönen Pflanze Vermehrung zu erhalten, war erreicht. Auch ein kleineres Rippenstück mit nur einer Areole, gepfropft auf einem 11/2 cm großen Sämling, Bastard von Trichocereus schickendantzii X Trichocereus candicans, wuchs an und sproßte. Sobald ein Sproß 3 cm Durchmesser erreicht, wird er abgenommen, in der Mitte waagerecht durchschnitten und beide Hälften: die untere verkehrt - gepfropft. So wird eine neue Pflanze und gleichzeitig eine zuverlässige, den Bedarf überreich deckende Mutterpflanze gewonnen.
Links Echinocactus grusonii, an der rechten Areole die beginnende Sprossbildung erkennbar;
rechts, Echinopsis grandiflora Areole mit schon entwickeltem Sproß; 1/3 nat. Grösse, Auf. R. Gräser
Als zweites Beispiel sei ein Versuch geschildert, Echinopsis grandiflora zu vermehren.
Ich hatte von dieser Echinopsis-Art "mit herrlichen,
dunkelrosenroten Blüten" (Berger) eine Pflanze von 4 cm Durchmesser und Höhe erwerben können und hoffte, bei guter Pflege bald Blüten und Sprosse
zu erhalten und mir allmählich eine Anzahl Pflanzen heranziehen zu können. Doch die Pflanze wuchs nicht und blieb dauernd schlecht bewurzelt. Im nächsten
Frühjahr versuchte ich es mit Pfropfen auf Trichocereus spachianus. Beim Schneiden zeigten sich braune Fäden in den Leitungsbahnen der Achse; die
übrigen
Gewebe schienen gesund zu sein. Es erfolgte äußerlich ein gutes Verwachsen, die Pflanze wuchs aber wieder nicht. Im folgenden Frühjahr wurde nochmals
geschnitten und gepfropft; auch diesmal ohne weiteren Erfolg. Die Pflanze war krank und weiteres untätiges Zuwarten zwecklos.
Vielleicht waren einzelne
Areolen mit den nächst liegenden Gewebeteilen noch gesund und durch Pfropfen zur Bildung gesunder Sprosse zu veranlassen. Ich wollte so viele Pfröpflinge
machen, als die Pflanze Areolen besaß, und diese Arbeit so gut wie möglich vorbereiten. Zunächst durchschnitt ich eine -etwa gleich große- gewöhnliche
Echinopsis-Hybride senkrecht, zerlegte sie in Rippen und suchte an senkrechten Schnitten erst festzustellen, wie die von den Areolen ausgehenden
Leitungsbahnen zur Achse verlaufen. Bei meiner Echinopsis grandiflora gleicher Größe werden sie bei Areolen ähnlicher Lage auch in ähnlicher Richtung
verlaufen, nahm ich an, und diese Richtung ungefähr zu kennen, war beim Herausschneiden der einzelnen Pfropfstücke wichtig. In unmittelbarer Nähe der
Areolen konnte ich von den Leitungsbahnen mit bloßem Auge nichts erkennen, in 7 mm Entfernung waren sie deutlich sichtbar. So tief wollte ich schneiden,
nicht tiefer, um den kranken Gefäßbündeln der Achse nicht zu nahe zu kommen. Jedes Pfropfstück mußte nach dem Herausschneiden notwendigerweise auch
zwei seitliche Schnittflächen haben, und es bestand die Gefahr, daß die Pfröpflinge infolge zu starker Verdunstung an diesen Stellen eintrockneten.
Ich machte deshalb vorher zwischen je zwei AreoIen 7 mm tiefe, keilförmige Einschnitte in die Rippen und wartete dann drei Wochen, bis diese Wunden
gut verheilt waren und die nach dieser Operation etwas welk gewordene Pflanze sich wieder erholt hatte.
Als Unterlagen wurden
E. jusbertii
T. spachianus, T. schickendantzii sowie Echinopsis-Hybriden genommen. Von etwa 40 Areolen vertrockneten die jüngeren
aus der Nähe des Scheitels sämtlich innerhalb 1 bis 2 Tagen.
Von den übrigen wuchsen 9 Stück an; 7 trieben kräftige, gesunde Sprossen, 2 zeigen Leben und werden folgen. Mein Ziel, mir Vermehrung von der
Echinopsis grandiflora zu verschaffen, habe ich erreicht; obendrein bin ich den Ärger mit der kränkelnden Pflanze los.
Schon im Sommer vorher hatte ich einen anderen Weg beschritten, der vielleicht auch Echinopsis grandiflora-Vermehrung liefern konnte. Eines Tages rief
ein langjähriger Nürnberger Kakteenfreund, Herr Danzer an: Seine Echinopsis grandiflora blühe, ob ich nicht kommen wolle. Ich kam, konnte die
herrliche Blüte bewundern und schließlich sogar die von Herrn D a n z e r abgeschnittene Blüte mit nach Hause nehmen. Sie enthielt noch Blütenstaub,
bei mir aber erblühten am gleichen Tage Echinopsis tubiflora und Echinopsis multiplex variegata mit je einer Blüte. Welche Aussichten eröffnen sich
da? Wenn die Bestäubung mit grandiflora-Pollen Erfolg hatte, konnten Pflanzen entstehen, die E. grandiflora sehr nahe kamen. War das nicht der Fall, so
konnten in einer folgenden Generation grandiflora herausmendeln. Hoffend, daß kein Insekt mit der Bestäubung mir zuvorgekommen sei, schnitt ich zu Hause
bei meinen Echinopsis-Blüten die oberen Blumenblätterteile und die Staubblätter vorsichtig heraus und belegte die Narben mit Blütenstaub aus der
mitgebrachten grandiflora-Blüte. Ende September waren die Früchte reif; jede enthielt viele hundert kleiner schwarzer Samen.
Normalerweise waren die
Samen im folgenden Frühjahr auszusäen und wuchsen im Laufe des ersten Jahres zu etwa 1 cm starken Pflänzchen heran. Bis zur Blühfähigkeit vergingen
dann noch Jahre. Sollte es nicht möglich sein, in kürzerer Zeit die Sämlinge zu einer Größe von 1 cm, ja vielleicht von 2 oder mehr Zentimeter Durchmesser
heranzuziehen? Warum wächst der eben aufgelaufene Sämling zunächst so langsam? Er braucht zum weiteren Wachstum Baustoffe; einen Teil der benötigten Nahrung
holt er mit seinen wenigen Würzelchen aus der Erde, einen wichtigen Teil aus der Luft. Mit seiner oft kaum 6 qmm großen Oberfläche soll er die Luft einatmen
und aus den in ihr enthaltenen 0,03% Kohlensäure seinen Kohlenstoffbedarf decken. In den meist blaßgrünen, oft gelblichgrünen jungen Sämlingen scheint noch
wenig Chlorophyll entwickelt zu sein, und doch kann die Aneignung des Kohlenstoffs, die Bildung verwertbarer Baustoffe nur in chlorophyllhaltigen Zellen
erfolgen.

Sämlingspfropfungen. Die Sämlinge hatten z.Z. der Pfropfung 1-2 mm Durchmesser.
Unterlagen: Selenic. macdonaldiae und Hyloc. purpusii. nat.Grösse, Auf. R. Gräser
Wie viel leichter hat es da irgendein anderer Keimling mit nur einem einzigen 1 qmm großen, grünen Blatt. Mit zunehmender Größe wachsen die Sämlinge
schneller. Vergleiche ich mit dem Sämling von 6 qmm Oberfläche einen etwa 30 cm hohen, vierkantigen, 1 cm breiten Cereus·Körper, z. B.
Selenicereus hamatus,
so hat dieser mit 120 qcm oder 12000 qmm Oberfläche eine 2000 mal so große assimilierende Fläche von dunkelgrüner Farbe; die Zellen sind also reich an
Chlorophyll. Säße der Sämling als Pfröpfling auf der Spitze dieser Pflanze, ständen ihm mehr als 2000 mal soviel Baustoffe zur Verfügung. Er kann zwar nicht
2000 mal so schnell wachsen wie bisher, er kann nur so schnell wachsen, wie dies "Kakteen möglich" ist, doch wenn das Wachstum sich nur um das 2 oder 3 oder
4 fache beschleunigen ließe, wäre schon viel erreicht. Dazu bedarf es außerdem rechnerisch keiner 20 oder 30 cm hohen Unterlage, wenige Zentimeter Höhe,
ausreichende Bewurzelung und einige Quadratzentimeter gesunder, grüner, assimilierender Fläche müßten genügen.
Beim Pfropfen muß eine Verbindung zwischen
den Leitungsbahnen von Unterlage und Pfröpfling entstehen. Bei einem 2 bis 3 Wochen alten Sämling sind die Gefäßbündel im Querschnitt auf kleinste Fläche,
oft nur als Punkt erkennbar, zusammengefaßt. Geeignete Unterlagen müßten kräftig im Trieb, weich fleischig sein und die Gefäßbündel ähnlich nahe
beisammen liegen. Das ist zum Beispiel der Fall hinter im Trieb befindlichen Spitzen von Selenicereen und Hylocereen. Bald nach der Samenernte, Mitte
Oktober, säte ich einen kleinen Teil der Echinopsis-Samen aus, nicht in meinem auf kühle, trockene Überwinterung eingestellten Kakteenhaus, sondern in
einem hierfür geeigneten Warmhaus in der
Gärtnerei meines Bruders. Die Samen keimten im Laufe der dritten Woche nach der Aussaat. Nach vier weiteren Wochen begann ich zu pfropfen, und im Laufe
des Dezembers pfropfte ich eine Anzahl Sämlinge auf
Selenicereus macdonaldiae und S. hamatus, die schon längere Zeit vorher im Warmhaus möglichst hell
aufgestellt waren, vollsaftig waren und teilweise sogar etwas Neutrieb zeigten. Nach einiger Übung gelangen die Pfropfungen zu über 50%, verwuchsen sehr
gut und begannen, nach einigen Wochen zu wachsen.
Bis Anfang Mai hatten einige der Sämlinge bis 2 cm Durchmesser, sie waren also zu der Zeit, zu der ich
sonst meist säte, schon recht schöne Pflänzchen, die nun auf eigenen Wurzeln - einige auch niedrig auf Trichocereus spachianus - bis zur Blühfähigkeit
weitergepflegt werden.
Im Laufe des Sommers pfropfte ich auch Sämlinge anderer Arten in dieser Weise. Samen von Lobivien wurden z. B. sofort nach der Reife Ende Juni
und Anfang Juli ausgesät und die Sämlinge 2 bis 3 Wochen nach erfolgter Keimung gepfropft. Die Pfröpflinge, die 3 cm Durchmesser und darüber im gleichen
Sommer erreichten, sind normal bestachelt, sie sind in Wirklichkeit nicht getrieben, wie man einwenden könnte. Dafür spricht auch folgende Überlegung:
Die Sämlinge einer bestimmten Art mögen bei harter Kultur im Durchschnitt im ersten Jahr 1 cm Durchmesser erreichen, getrieben, in feuchtwarmer Luft,
und schattig gehalten im Durchschnitt 2 cm. Dieselbe Art ist imstande, falls bei einer größeren Pflanze der Scheitel verlegt wurde, bei härtester Kultur
im Laufe eines Jahres einen Sproß von 3 cm Durchmesser zu entwickeln.
Das schnellere Wachstum dieses Sprosses und ebenso das des gepfropften Sämlings sind keine Treiberei, sondern das natürliche schnellere Wachstum der
größeren Pflanze, die vermöge der reicheren Bewurzelung und der größeren assimilierenden Fläche die nötigen Baustoffe beschafffen kann.
Durch den weiter oben geschilderten erfolgreichen Versuch, Echinopsis grandiflora auf vegetativem Wege zu vermehren, ist der Versuch, eine
gleiche oder ähnliche Pflanze durch
Kreuzung zu erhalten, überflüssig und bedeutungslos geworden. Dennoch werden einige der Sämlinge weiter gepflegt und beobachtet. Sie haben jetzt,
Ende des Sommers, 11 Monate nach der Aussaat, einen Durchmesser von 5 cm erreicht und besitzen eine E. eyriesii - ähnliche Bestachelung,
wie sie auch E. grandiflora eigen ist. Nachdem in der Bestachelung die väterlichen Eigenschaften, die grandiflora-Merkmale, dominieren,
wird das hoffentlich bei den in ein bis zwei Jahren zu erwartenden Blüten auch der Fall sein.
Der Artikel 'Über Kakteenvermehrung und -pfropfung', wurde 1943!!! von Robert Gräser in der Kakteenkunde veröffentlicht.